Moviepedia Wiki
Advertisement

Eine Rachegeschichte in einer längst vergangenen Epoche. Voller Blut, Schlamm und Tod serviert Robert Eggers mit The Northman eine sehr neue und doch so vertraute Geschichte über den hohen Norden.

The Northman Banner.jpg

Im Jahr 858 herrscht Aurvandil (Ethan Hawke) als Wikingerkönig. Dabei möchte er, daß sein Sohn Amleth (Oscar Novak, später Alexander Skarsgård) Herrscher wird. Eines Tages tötet der Halbbruder von Aurvandil Fjölnir (Claes Bang) den König, nimmt dessen Platz auf dem Thron ein und nimmt Königin Gudrún (Nicole Kidman) gefangen. Amleth flieht und schört ewige Rache. Zusammen mit einer marodierenden Bande plündert er das Land Rus und wird bei einem Überfall an seinen Schwur erinnert. Er wird gefangengenommen und als Sklave zusammen mit der Olga (Anya Taylor-Joy) an den König verkauft.

„Ich werde dich rächen, Vater. Ich werde dich retten, Mutter. Ich werde dich töten, Fjölnir." Mit diesen Worten fasst sich die gesamte Geschichte von The Northman schon relativ gut zusammen. Was im Kern stark an Hamlet erinnert, ist im Prinzip genau das, nur daß es sich eben um die Inspiration zu Shakespeares Familiendrama handelt. Das gewinnt keinen Innovationspreis und ist im Prinzip auch schon unzählige Male im Kino erzählt worden. Dabei kann also auch ein wenig Ermüdung aufkommen, weil man dann zumindest die gesamte Zeit über das Gefühl hat, daß nun jene Stelle kommen muss, die Plotpoint XY erklärt und so weiter und so fort. Dabei braucht das Werk auch etwas, um in die Gänge zu kommen. Etwaige Expositionen sind da wirklich zäh, weil sie nur einem Zweck dienen, nämlich die Geschichte zu entfesseln. Und es führt eben zu den erahnten Momenten, die schon angedeutet werden. Der Film sucht dabei nach einer gewissen Identität. Das mutet zwar bedeutungsschwanger an, ist aber ein Kernproblem, weil man das Gefühl vermittelt bekommt, Eggers wolle eine wirklich große Geschichte auf die Leinwand verfrachten, bedient sich letzten Endes aber einer Grundlage, die im Kern auf Probleme von gutbetuchten Menschen zurückzuführen sind. Da geht so ein wenig das Identifikationspotential verloren, weil auch die Figuren nach Shakespeare klar definiert werden.

Das soll aber nicht heißen, daß Eggers den Figuren nicht einen doppelten Boden gäbe. Gerade Amleth ist in seiner Suche nach Rache doch deutlich mehr als ein klassischer Held. Man lernt ihn als verstörten Jungen kennen, der die Flucht sucht und seinen verehrten Vater zurücklassen muss. Doch was in Der König der Löwen (1994) zum eindeutigen Kampf zwischen gut und böse definiert wurde, ist in The Northman in so ziemlich allen Belangen von Grautönen bedeckt. Amleth geht für seine Rache über Leichen und scheut nicht davor zurück, auch zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Der Film weiß um diesen Umstand und definiert auch klare Regeln für alles Treiben in dem Werk. Gleichsam wird auch der so verehrte Vater mehrfach durchleuchtet. Dabei baut sich das gut auf, weil der Film auch die sehr zweckdienliche Beziehung zur eigenen Frau und Amleths Mutter als relativ passiv beschreibt. Spätestens hier ist an ein verklärtes und romantisches Bild von Wikingerzeiten nicht mehr zu denken. Nun traut sich der Film aber auch nicht komplett den romantischen Vorstellungen zu entfliehen, weil er die Fähigkeit zu herrschen und damit Macht auszuüben nicht als komplett absurd, besser gesagt deren Funktionäre nicht als komplett absurd dargestellt werden. Klar werden die kaputten Familienstrukturen und auch die darauß resultierende Gewalt gezeigt, aber nicht komplett abgelehnt. Man hätte in dieser Hinsicht sehr viel radikaler sein müssen. Das ist aber meckern auf ganz hohem Niveau.

Auch die finale Konfrontation vermittelt hier den Eindruck, als sei man gerade in einer anderen Welt. Da kämpfen Männer im Feuer, sodass das fast schon an das Finale von Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) erinnert. Ohnehin scheint Männlichkeit ein großes Thema im Film zu sein, nicht aber vor dem Hintergrund, daß man nun den Spieß umdrehen müsste, sondern mehr gekonnt und etwas mazial. Denn tatsächlich ist es diese Form der Männlichkeit, die so ein bisschen mit dem eigenen Ehrgefühl vermischt wird. Man hat in solchen Momenten tatsächlich das Gefühl, Menschen bei wirklich kleinlichen Problemen zuzusehen. Und das grausame ist dann, daß es sich eben nicht auf einen kleinen Kreis beschränkt, sondern diese Machtgefüge in einer totalitären Gesellschaft werden zunächst immer auch auf das Volk beschränkt. Doch die Realität ist nicht die einzige Ebene, die Eggers zum Thema macht. So bedient sich auch The Northman, ähnlich wie schon The Witch (2015) und Der Leuchtturm (2019) Mythen, Legenden und Überirdischem. Normalerweise sind gerade diese Aspekte in Geschichten häufig ein wenig albern, weil der Bezug zur Realität komplett verloren geht. Doch Eggers macht aus der Not eine Tugend und serviert dem Zuschauer abermals komplett surreale Bilder, die er immer wieder einwirft. Dabei ist das natürlich Symbolismus und man merkt sofort, daß das Skript Dinge wie Walküren, Yggdrasil oder auch Magie in den Film integrieren kann, ohne daß der Film an Glaubwürdigkeit verlieren würde.

In solchen Momenten merkt man auch Stark den Ursprung von Eggers als Horrorregisseur. So bietet der Film auch die ein oder andere gruselige Stelle. Gerade die Bildsprache ist es ja, was Eggers so faszinierend macht. Da entsteht ein visuell beeindruckendes Werk, welches spielend zwischen Digitalaufnahmen, Surrealem und echten Landschaften wechselt. So entsteht eine im Kern sehr spirituelle Geschichte. Doch Eggers ist großartig darin, seine Bilder nicht als bloße Schocker zu benutzen, wie es ein Jordan Peele etwa in Wir (2019) tat, sondern volle Symbolpracht für sich sprechen zu lassen. Der Film ist durchdacht, weil er zu keinem Zeitpunkt einen Bruch mit dem Glauben erlaubt und diese mystische Geschichte dennoch genauso erzählt, wie sie zu sein scheint. Das heißt, die Kombination aus Realität und Fiktion geht spielend leicht ineinander über. Das liegt nicht zuletzt auch am phantastischen Cast. Besonders Alexander Skarsgård als titelgebender Nordmann ist beeindruckend. Er spielt einen kernigen und äußert verbissenen Amleth, der über bloßes Präsenzspiel hinausgeht und den Film zu tragen weiß. Da liegt pure Gefahr in seinem Blick und man weiß, daß ihn nichts stoppen wird. Ähnlich verhält es sich auch mit den anderen Schauspielern. Der phantastische Willem Dafoe und der ebenso phantastische Ethan Hawke kommen vielleicht etwas zu kurz, sind aber phänomenal. Über Anya Taylor-Joy muss man vermutlich nichts mehr sagen. Nicole Kidman spielt ihre Figur sehr undurchschaubar, während vor allem Claes Bang auf Augenhöhe mit dem Helden agieren kann.

Unterdessen erinnert Eggers dreckige Inszenierung vor allem an den letztjährigen The Last Duel (2021), der ebenso drastische, unterkühlte Bilder voller Rohheit und Gewalt zur Schau stellen konnte. Interessant ist das zudem, weil Eggers zwischen Voyeurismus im Surrealem und abstoßender Gewalt spielend leicht hin- und herwechseln kann. Ohnehin ist sein Werk in seiner gesamten Drastik auch recht unkonventionell geworden. Daß solche Bilder dabei auf die breite Masse zugelassen werden, ist großartig, weil es in der Hinsicht forderndes Kino ist. Das macht den Film also auf eine gute Art unzugänglich.

Fazit: Vielleicht täuscht The Northman mit seinem unverkennbaren Stil ein wenig über seine eigene Geschichte hinweg. Dennoch kann man sich in diesen Film aufgrund moderner filmhistorischer Seltenheit nur verlieben. Da geht es auch lange nicht mehr um die Geschichte, sondern der Film taucht tief in mythologische Gefilde ab und entromantisiert Blicke auf kunterbunte Zeiten, die es so sicherlich nie gegeben hat. Gleichsam konfrontiert der Film seinen Zuschauer mit komplexen Figuren, die zwar seltene Problem zu klären haben, aber dennoch intensive Kämpfe hervorbringen.


Clap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema.pngClap-cinema hell.pngClap-cinema hell.png



Captain Schlabberhose (Diskussion) 11:52, 22. Apr. 2022 (UTC)

Advertisement